Schreiben
Phase 2Deine Rohfassung entsteht. In diesem Workshop bringst du dein Buch aufs Papier, mit Struktur, deiner eigenen Stimme und allem, was dich beim Dranbleiben unterstützt.
Struktur und Outline
Bevor du frei schreibst, gibt dir eine Struktur eine Landkarte, auf die du dich verlassen kannst.
Eine Outline ist der Plan deiner Kapitel und der Bogen, der sie zusammenhält. Bei einem Roman ist das der Handlungsbogen, also der Weg von einem Anfang über die Steigerung bis zum Höhepunkt und zur Auflösung. Bei einem Sachbuch ist es die Argumentationslinie, bei der jedes Kapitel auf dem vorigen aufbaut und auf deine Kernbotschaft zuläuft. Der Kapitelplan, den du in Phase 1 begonnen hast, wird hier konkret.
Auch wenn du am liebsten drauflosschreibst, hilft dir eine lose Landkarte, den Überblick zu behalten und dich unterwegs nicht zu verirren. Deine Outline ist dabei ein Diener und kein Herr, sie darf sich verändern, sobald dein Buch dir etwas Besseres zeigt.
Schreib jedes Kapitel als eine einzige Zeile auf, nur den Kern. Wenn du die Zeilen hintereinander liest, sollte ein roter Faden entstehen.
- Wie sieht die grobe Kapitelfolge deines Buches aus?
- Trägt der Bogen von Anfang bis Ende?
- Wo ist die Struktur noch unklar?
Dramaturgie und Aufbau
Struktur hat einen Rhythmus, der deine Leserin von Seite zu Seite zieht.
Bei einem Roman entsteht dieser Sog durch Dramaturgie, also durch Spannung, Wendepunkte und eine Frage, die deine Leserin unbedingt beantwortet haben will. Bei einem Sachbuch entsteht er durch einen klaren Aufbau, bei dem jedes Kapitel eine Frage öffnet und sie mit Wissen und Beispielen beantwortet. In beiden Fällen gibst du früh ein Versprechen und löst es später ein.
Die größte Gefahr liegt in der Mitte, wo viele Bücher durchhängen. Du beugst dem vor, indem jedes Kapitel seinen Platz verdient und etwas Neues bringt, das die Leserin weiterträgt. Wenn ein Kapitel nichts bewegt, gehört es überarbeitet oder gestrichen.
Nimm dein spannendstes oder wichtigstes Kapitel und frag dich, warum jemand danach unbedingt weiterlesen will. Diesen Sog überträgst du auf die anderen.
- Wo liegt die größte Spannung oder der stärkste Nutzen in deinem Buch?
- Wie hältst du die Mitte lebendig?
- Was treibt deine Leserin von Kapitel zu Kapitel?
Figuren und Beispiele
Das Konkrete und Menschliche ist es, woran sich Leser erinnern.
In einem Roman tragen deine Figuren das ganze Buch. Sie brauchen Tiefe, sie wollen etwas, und sie verändern sich im Lauf der Geschichte. In einem Sachbuch übernehmen Beispiele, Fallgeschichten und kleine Szenen diese Rolle, denn sie machen das Abstrakte greifbar und lebendig. Menschen merken sich selten eine These, aber fast immer eine gute Geschichte.
Deshalb lohnt es sich, nicht zu belehren, sondern zu zeigen. Statt einen Grundsatz nur zu erklären, lass ihn an einem Menschen oder einer Situation sichtbar werden. Genau dort, wo dein Text lebendig wird, bleibt er auch haften.
Wähl eine Figur oder ein Beispiel und beschreib es so lebendig, dass man es vor sich sieht. Genau diese Lebendigkeit brauchen alle anderen auch.
- Welche Figuren oder Beispiele tragen dein Buch?
- Was wollen sie, oder was zeigen sie?
- Wo wird es noch zu abstrakt?
Recherche gezielt einsetzen
Recherche gibt Glaubwürdigkeit, aber zu viel davon erstickt dein Buch.
Gute Recherche dient deiner Leserin und fließt so natürlich in den Text ein, dass sie gar nicht als Recherche auffällt. Bei einem Roman geht es um genug Echtheit, damit die Welt trägt, bei einem Sachbuch um verlässliche und belegte Fakten. In beiden Fällen gilt, dass du recherchierst, um zu schreiben, und nicht umgekehrt.
Die eigentliche Kunst ist zu wissen, wann du genug weißt und wieder mit dem Schreiben beginnst. Recherche kann nämlich auch eine sehr angenehme Art des Aufschiebens sein. Sammle deine Quellen an einem Ort und trenne bewusst, was wirklich in dein Buch gehört und was nur im Hintergrund gut zu wissen ist.
Sammle deine Quellen an einem Ort und markiere, was wirklich in dein Buch gehört. Der Rest darf im Hintergrund bleiben.
- Welche Recherche braucht dein Buch wirklich?
- Wo drohst du dich in Details zu verlieren?
- Wie hältst du deine Quellen fest?
Stil und deine Stimme
Deine Stimme ist das, was dein Buch unverwechselbar macht.
Zum Stil gehören die Erzählperspektive, die Zeitform und der Ton, in dem du erzählst. Ob du in der Ich-Form oder in der dritten Person schreibst, ob nüchtern oder warm, all das prägt, wie dein Buch klingt, und es sollte zu deinem Genre und zu deiner Leserin passen. Über allem steht deine eigene Stimme, denn dein Buch soll nach dir klingen und deine Handschrift behalten.
Der beste Weg dorthin ist, nicht zu kopieren, sondern so zu schreiben, wie du wirklich sprichst, und den Text danach behutsam zu schleifen. Wichtig ist, dass du eine einmal gewählte Perspektive und Zeitform konsequent durchhältst, damit deine Leserin sich fallen lassen kann.
Lies eine Seite von dir laut vor. Klingt sie nach dir? Wo sie fremd klingt, schreib sie so um, wie du wirklich sprechen würdest.
- Aus welcher Perspektive und in welchem Ton erzählst du?
- Klingt dein Text schon nach dir?
- Wo verstellst du dich noch?
Deine Schreibroutine
Ein Buch entsteht in kleinen, regelmäßigen Schritten, nicht in wenigen großen Kraftakten.
Das Geheimnis liegt in einer Gewohnheit, die an eine feste Zeit und einen festen Ort geknüpft ist. Eine verlässliche halbe Stunde am Tag bringt dich weiter als ein ganzer Sonntag alle paar Wochen, weil sich kleine Schritte zu einem Buch summieren und weil du im Fluss bleibst. Genau dafür ist der Gewohnheitstracker in deiner Schreibwelt gedacht.
Schütze diese Zeit, als wäre sie ein wichtiger Termin, denn genau das ist sie. Die Routine trägt dich vor allem an den Tagen, an denen die Lust fehlt, und das sind mehr, als man am Anfang glaubt.
Leg eine feste, kleine Schreibzeit fest, die du diese Woche jeden Tag einhältst, und sei es eine halbe Stunde. Trag sie in deinen Gewohnheitstracker ein.
- Wann und wie oft willst du schreiben?
- Wie machst du diese Zeit unantastbar?
- Was hält dich bisher davon ab?
Deine Werkzeuge
Die richtigen Werkzeuge nehmen dir Reibung, das wichtigste von allen ist die Sicherung.
Zum Schreiben brauchst du ein Programm, mit dem du dich wohlfühlst, ob eine einfache Textverarbeitung oder eine Software wie Papyrus oder Scrivener, dazu ein System für deine Notizen. Wähle bewusst schlicht und verlässlich, denn das ständige Suchen nach dem perfekten Werkzeug ist wieder nur eine hübsche Art des Aufschiebens.
Über allem steht die Sicherung deines Manuskripts. Es gibt kaum etwas Bittereres, als Wochen Arbeit zu verlieren. Sorge deshalb dafür, dass dein Text automatisch und an mehr als einem Ort gesichert wird, zum Beispiel auf deinem Rechner und zusätzlich in einer Cloud.
Richte dir jetzt eine sichere Sicherung ein, am besten automatisch und an zwei Orten. Dein Manuskript ist zu wertvoll, um es zu riskieren.
- Womit schreibst und ordnest du am liebsten?
- Wie sicherst du dein Manuskript?
- Was lenkt dich beim Schreiben ab, und wie schaltest du es aus?
Schreibblockaden lösen
Blockaden sind völlig normal, und meistens ist es der innere Kritiker, der zu früh mitschreibt.
Sehr oft entstehen Blockaden, weil du gleichzeitig schreiben und bewerten willst. Diese beiden Dinge gehören getrennt, denn Schreiben darf roh und frei sein, das Verbessern kommt später und hat in Phase 3 seine eigene Zeit. Wenn du bewusst schlecht schreibst, nur um in Bewegung zu bleiben, nimmst du dem inneren Kritiker die Macht.
Manchmal ist eine Blockade aber auch ein Signal, dass in der Struktur etwas nicht stimmt. Dann lohnt sich ein Blick zurück auf deine Outline, statt gegen eine Wand zu schreiben. In jedem Fall ist eine Blockade kein Versagen, sondern ein normaler Teil des Weges.
Wenn du feststeckst, schreib bewusst schlecht, nur um in Bewegung zu bleiben. Verbessern darfst du später, jetzt zählt allein der Fluss.
- Wann und wobei blockierst du am ehesten?
- Ist es der innere Kritiker oder ein echtes Strukturproblem?
- Was hilft dir zurück in den Fluss?
Dranbleiben
Die lange Mitte ist der Ort, an dem die meisten Bücher aufgegeben werden.
Motivation über viele Monate hält nicht von allein, sie braucht Anker. Dein stärkster Anker ist dein Warum aus Phase 0, das dich daran erinnert, warum du überhaupt angefangen hast. Dazu kommen kleine Erfolge, ein sichtbarer Fortschritt und vielleicht jemand, dem gegenüber du dich verbindlich machst, sei es eine Schreibfreundin oder eine Gemeinschaft, die denselben Weg geht.
Feiere die kleinen Etappen bewusst, denn sie sind der Treibstoff für die nächste. Und sei nachsichtig mit dir, wenn die Luft einmal dünn wird, denn das ist normal. Es geht nicht darum, nie die Lust zu verlieren, sondern immer wieder zurückzukommen.
Hol dir dein Warum aus Phase 0 hervor und stell es dort auf, wo du schreibst. An schweren Tagen erinnert es dich, warum du angefangen hast.
Dranbleiben fällt leichter, wenn jemand mitgeht. Ein Mensch, dem du dich verbindlich machst, oder eine Gruppe, die denselben Weg schreibt. Trag dich gern für unsere Community ein, oder finde dir anderswo eine Schreibgruppe. Hauptsache, du bist nicht allein.
- Was hält dich langfristig bei der Stange?
- Wie feierst du kleine Fortschritte?
- Wer oder was könnte dich unterstützen, wenn die Luft dünn wird?
Die Rohfassung fertigstellen
Das Ziel dieser Phase ist eine fertige Rohfassung, nicht eine perfekte.
Die erste Fassung ist im Grunde nur du, der sich selbst die Geschichte erzählt. Gib dir deshalb ausdrücklich die Erlaubnis, dass sie unfertig sein darf, denn der Feinschliff kommt in Phase 3 und hat dort seinen eigenen Raum. Wichtig ist jetzt nur eines, nämlich bis zum Ende durchzuschreiben.
Die größte Falle ist der Drang, immer wieder zum Anfang zurückzuspringen und das erste Kapitel zu polieren, während das Ende in weiter Ferne bleibt. Widersteh diesem Drang und schreib weiter, bis das ganze Buch einmal steht. Eine fertige Rohfassung ist ein riesiger Meilenstein, auf den du wirklich stolz sein darfst.
Setz dir das klare Ziel, bis zum Ende durchzuschreiben, ohne zurückzuspringen und zu feilen. Das Überarbeiten hat später seine eigene Phase.
- Was hindert dich daran, einfach bis zum Ende zu schreiben?
- Wie gehst du mit dem Drang um, ständig zu überarbeiten?
- Woran wirst du merken, dass deine Rohfassung steht?
Deine Rohfassung steht
Oder sie ist auf dem besten Weg dorthin, und das ist ein riesiger Schritt, denn genau hier, im langen Schreiben, geben die meisten Menschen auf. Du hast dein Buch strukturiert, deine Stimme gefunden, eine Routine gebaut, Blockaden überwunden und bist drangeblieben.
In Phase 3 machst du aus deiner Rohfassung ein rundes Buch, mit Überarbeitung, Feedback, Lektorat, Titel und Klappentext.
